Tipps zum Abschiednehmen in der Pandemie anlässlich des Totensonntags

Leipzig. Der November gilt als Trauermonat. Anlässlich des Totensonntags am 22. November gibt Prof. Dr. Anette Kersting, Professorin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, Tipps zum Umgang mit den Themen Trauer und Abschiednehmen in Zeiten der Corona-Pandemie.

Welche Tipps zur Trauerbewältigung haben Sie, wenn jemand in dieser Zeit einen geliebten Menschen verliert?

Das Abschiednehmen und die Bewältigung eines Verlusts sind in Corona-Zeiten erschwert. Oft ist eine Begleitung am Sterbebett nicht möglich, viele Sterbende sind allein. Auch das Pflegepersonal kann diese Aufgabe nicht übernehmen und die Familie ersetzen. In dieser Situation haben Angehörige nachvollziehbar oft das Gefühl, einen Menschen, den sie lieben, allein gelassen zu haben. Dies ist neben der Trauer ein sehr schmerzliches Gefühl. Hinzu kommt, dass sich die Angehörigen selbst nicht verabschieden konnten. Auch wenn sie körperliche Nähe und Berührungen nicht ersetzen, können Videoanrufe oder Telefonate hilfreich sein. Wir wissen, dass nach dem Tod eines geliebten Menschen Trauerrituale und vor allem die Unterstützung durch Familie, Freunde und Bekannte wichtig sind, um mit dem Verlust zurechtzukommen. Auch hier sind wir durch die Maßnahmen der Corona-Pandemie eingeschränkt. Die Anzahl von Gästen auf Beerdigungen und Trauerfeiern kann begrenzt sein. Es ist wichtig, genau zu überlegen, wen man einlädt und wer für die eigene Situation die größte Unterstützung bedeutet. Manchen Menschen hilft es, im Internet ein Trauerportal zu nutzen und eine digitale Gedenkseite für den Verstorbenen einzurichten. Um die schwierige Abschiedssituation zu bewältigen, schreiben manche Menschen ihrem Verstorbenen einen Brief, um ihm all das, was sie ihm nicht mehr persönlich mitteilen konnten, imaginativ zuzusenden.

Die gesetzlichen Vorgaben in der Corona-Pandemie erschweren das Abschiednehmen. Welche Folgen kann das für Betroffene haben?

Wir wissen, dass soziale Isolation, durch den Teillockdown aus nachvollziehbaren Gründen verordnet, aber auch wirtschaftliche Sorgen, unter denen coronabedingt viele Menschen leiden, Risikofaktoren für eine angemessene Bewältigung eines Verlustes darstellen können. Wenn Angehörige befürchten, sie selbst hätten den Verstorbenen mit dem Virus infiziert, können Schuldgefühle den Trauerprozess erschweren. Corona kann auch mit einer Stigmatisierung einhergehen: Wie konnte das passieren? Warum hast du nicht aufgepasst? Wenn es Menschen nicht gelingt, den Verlust eines nahen Angehörigen angemessen zu bewältigen, kann eine psychische Erkrankung, die anhaltende Trauerstörung, die Folge sein. Diese Personen bleiben in der Verarbeitung der Trauer stecken und finden nicht in ihren Alltag zurück. Wenn diese Situation eintritt, ist es sinnvoll, psychotherapeutische Unterstützung zu suchen. Studien, ob coronabedingte Tode zu einem Anstieg anhaltender Trauerstörungen führen, haben wir noch nicht. Es ist aber zu vermuten, dass die aktuellen Bedingungen den Trauerprozess beziehungsweise die Möglichkeiten, den Verlust zu bewältigen, erschweren.

Vielerorts werden inzwischen Beisetzungen per Livestream angeboten. Ist das ein Konzept, das unabhängig von der Corona-Pandemie, für die Verarbeitung von Trauer zukunftsfähig ist?

Wenn Freunde und Verwandte bei einer Trauerfeier nicht dabei sein können, ist es grundsätzlich sehr hilfreich, digitale Möglichkeiten wie ein Video oder eine Livestream-Übertragung aufzunehmen beziehungsweise anzubieten. Die Corona-Pandemie bringt uns dazu, Strategien zu entwickeln, um mit der Situation besser umzugehen. Beisetzungen per Livestream könnten durchaus zukunftsfähig sein. Ich glaube jedoch, dass sie die vorhandenen Möglichkeiten erweitern und nicht ersetzen werden.


Hinweis:
An der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. Anette Kersting können Menschen mit anhaltender Trauer professionelle Unterstützung erhalten. Für das Forschungsprojekt „PROGRID“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aktuell um zweieinhalb Jahre und mit einer Fördersumme von einer Millionen Euro verlängert wurde, werden noch Teilnehmer gesucht.

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