In bestimmten Motiven sehen die Autoritarismus-Forscher "Brücken, die die Gefahr für die Demokratie ausmachen". Universität Leipzig/Thomas Häse
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Leipziger Autoritarismus-Studie

Leipzig. Die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland hat abgenommen, aber es gibt ein dauerhaft hohes Niveau bei rechtsextremen Einstellungen. Zu beobachten ist zudem eine „Radikalisierung und Enthemmung unter extremen Rechten“. Das sind zentrale Ergebnisse der repräsentativen „Leipziger Autoritarismus-Studie“. Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig präsentierten die Studienergebnisse heute (18. November) in der Bundespressekonferenz in Berlin. Die Studie, in der auch der Glaube an Verschwörungstheorien thematisiert wird, entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll- und der Otto Brenner Stiftung.

„Diesmal können wir mit einer guten Nachricht aufwarten, müssen aber zugleich auf ein immer noch hohes Niveau bei Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremen Einstellungen hinweisen – und darauf, dass autoritäre und antidemokratische Einstellungen eine beständige Bedrohung für unsere offene, liberale Gesellschaft darstellen. Zudem verfestigen sich bestimmte Ideologien“, sagt Professor Oliver Decker.

Der Prozentsatz der laut Studie „manifest ausländerfeindlich Eingestellten“ ist im Vergleich zu 2018 von 23,4 auf 16,5 Prozent gesunken. „Auffällig ist dabei der Unterschied des Rückgangs in West- und Ostdeutschland“, berichtet Decker. Im Westen sank der Anteil von 21,5 auf 13,7 Prozent, im Osten nur von 30,7 auf 27,8 Prozent. Insgesamt stimmen 28,4 Prozent (vor zwei Jahren: 36 Prozent) der Befragten der Aussage zu, dass „Ausländer nur hierherkommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ (Ost: 43,9 Prozent, West: 24,5 Prozent). Rund 26 Prozent der Befragten halten die Bundesrepublik „durch Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ – ein Minus von zehn Prozentpunkten. Während der Anteil verfestigt rechtsextrem eingestellter Personen in Westdeutschland weiter sank (auf drei Prozent), stieg er in Ostdeutschland nochmals an. Fast jeder Zehnte dort Befragte hat ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild.

Die aktuelle Studie zeigt außerdem, dass die Zustimmung zu tradiertem Antisemitismus bundesweit leicht rückläufig ist, ebenso die Abwertung von Muslimen. „Aber wir dürfen uns nichts vormachen, wir verzeichnen bei manchen Fragestellungen weiterhin ein erschreckend hohes Niveau an Zustimmung“, berichtet Professor Elmar Brähler. So stimmten mehr als ein Viertel der Befragten der Forderung zu, dass „Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland zu untersagen“ sei. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer sagten Ja zu dem Satz „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. 47 Prozent der Befragten fühlen sich „durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ (2018: 55 Prozent). Ähnlich ist es bei bestimmten Erscheinungsformen des Antisemitismus. So äußerten zehn Prozent der Befragten Verständnis dafür, dass „manche Leute etwas gegen Juden haben“ und 41 Prozent meinen, dass „Reparationszahlungen nur einer Holocaust-Industrie“ nützten (2018: 36 Prozent).

Rechtsextreme Einstellungen und Brücken zur rechtsextremen Ideologie

„Manifest rechtsextreme Einstellungen“ attestieren die Forscher 4,3 Prozent der Befragten (im Osten 9,5 Prozent, im Westen 3 Prozent) – eine leichte Zunahme im Osten, ein leichter Rückgang im Westen. Für die Wissenschaftler zählt Autoritarismus als Persönlichkeitseigenschaft zu einer der Hauptursachen für rechtsextreme Einstellungen. „Menschen mit autoritärem Charakter neigen zu rigiden Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern“, erläutert Elmar Brähler. „Rund ein Drittel der Deutschen zeigen Merkmale eines autoritären Typus.“

Zur zehnten Auflage der Studie gehört auch die Auswertung eines Langzeitverlaufs der Ergebnisse. „Dabei zeichnet sich ab, dass wir den Fokus unserer Autoritarismus-Studien über die Jahre verlagert haben, und zwar weg vom Rechtsextremismus und hin zu einer Untersuchung antimoderner Milieus, die nicht zwingend manifest rechtsextrem sind, aber immer antidemokratisch“, erläutert Oliver Decker. „Zudem werden Elemente der rechtsextremen Weltanschauung geteilt. Und da sehen wir, dass auch zwischen unterschiedlichen kulturellen und sozialen Milieus solche geteilten Motive wie eine Brücke wirken. Dazu gehören Antifeminismus, ein israelbezogener Antisemitismus und der Glaube an Verschwörungsmythen. Diese Brücken sind es, die die Gefahr für die Demokratie ausmachen.“

Verschwörungsmythen, auch zu Corona

Das Thema Verschwörungsmythen ist zum fünften Mal Teil der Leipziger Studie, diesmal auch mit Fragen bezogen auf die Corona-Pandemie. Die Zustimmungswerte zur Aussage „Die Corona-Krise wurde so groß geredet, damit einige wenige davon profitieren können“, liegen bei 33 Prozent („stark ausgeprägt“) sowie 15,4 Prozent („ausgeprägt“), jene zur Aussage „Die Hintergründe der Corona-Pandemie werden nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen“ bei 47,8 Prozent („stark ausgeprägt“) sowie 14,6 Prozent („ausgeprägt“). „Unsere Befragung hat gezeigt, dass der Glaube an Verschwörungsmythen in der Bevölkerung seit 2018 gestiegen ist. Wir würden außerdem sagen, dass er als eine Art Einstiegsdroge für ein antimodernes Weltbild wirken kann“, erklärt Professor Decker.

Über die Leipziger Autoritarismus-Studie

Seit 2002 beobachten Wissenschaftler der Universität Leipzig die Entwicklung autoritärer und rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Von 2006 bis 2012 entstanden Studien in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, bekannt als „Mitte-Studien“. Inzwischen erfolgt die Veröffentlichung der Leipziger Studien in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung.

In der nunmehr zehnten Welle wurden vom 2. Mai 2020 bis 19. Juni 2020 bundesweit im Paper-to-Pencil-Verfahren 2.503 Menschen befragt. Die Umfrageteilnehmer füllten selbst einen Papierfragebogen aus. Damit fiel die Datenerhebung in jene Phase der COVID-19-Pandemie, in der die einschneidenden Beschränkungen zum Schutz vor Erkrankungen sukzessive gelockert wurden. Bei den Interviews wurden die Vorsichtsregeln eingehalten (AHA). Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgte als geschichtete Zufallsstichprobe. Wie bei den vorherigen Erhebungen der Untersuchungsreihe wurde auch die diesjährige Befragung im Auftrag der Universität Leipzig vom Berliner Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführt. Der für die Studie verwendete Fragebogen bestand aus zwei Teilen. Im ersten Teil wurden die Befragten gebeten, soziodemografische Angaben über sich selbst und zum Haushalt nach den demografischen Standards des Statistischen Bundesamtes zu machen. Danach wurde den Befragten der zweite, inhaltliche Teil des Fragebogens übergeben, den sie aufgrund der teilweise sehr persönlichen Angaben eigenständig beantworten sollten.

Alle Ergebnisse der aktuellen Autoritarismus-Studie sind soeben im Buch „Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität“ im Psychosozial-Verlag erschienen. Ausführliche Informationen zur Methodik stehen darin im zweiten Kapitel (S. 27 ff.).

Originalpublikation:
Oliver Decker, Elmar Brähler (2020).
Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität.
Gießen: Psychosozial-Verlag.
https://home.uni-leipzig.de/decker/LAS_2020.pdf.

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