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Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte verantwortliche Politikerinnen und Politiker des Bundes und der Länder,

gestatten Sie, dass ich mich als Rektor der ältesten deutschen Musikhochschule (der heutigen Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig) und nach Rücksprache mit dem akademischen Senat des Hauses in größter Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt unseres einmalig schönen und noch immer mit Kultur gesegneten Landes an Sie wende.

Wie wir alle wissen, steckt die moderne Zivilisation in einer ihrer existenziellsten Krisen. Ein Virus bedroht unsere Gesellschaft und legt neben seiner Gesundheitsgefährdung die Axt an jene Wurzel, die entscheidend ist für unser Überleben: den menschlichen Zusammenhalt.

Wo finden wir jenseits aller ökonomischen Interessen zueinander, um uns gemeinsamer Werte und Empfindungen bewusst zu werden? Wo spüren wir den Halt, ohne den kein Zukunftsvertrauen gedeihen kann? Das sind nicht nur die Gotteshäuser, es sind auch die Stätten der Kunst. Hier verorten wir, was uns am dringendsten nottut: die Sättigung durch seelische Nahrung, so wichtig wie das Stillen des Hungers nach einer anstrengenden Arbeit. Kunst kann im Rückzug gedeihen, aber sie wirkt niemals für sich. Kunst lebt durch Gemeinschaft, indem sie diese fordert und fördert. Und Kultur ist eben nicht nur Freizeitvergnügen. Kultur ist mehr: Kultur ist eine Lebensaufgabe, Kultur ist eine Haltung. Kultur und Kunst sind das, was uns überhaupt erst zu Menschen gemacht hat, weil beides garantiert, dass wir im besten Falle ohne handfeste Eigeninteressen über uns selbst hinauszuwachsen vermögen Kultur und Kunst sind der Kitt der menschlichen Zivilisation.

Warum schreibe ich das? Mir geht es mit diesem Statement nicht nur um die Verteidigung der Existenzgrundlagen vieler Künstler. Mir geht es um die Auswirkungen der dauerhaften Stille, die durch Schließungen von Theatern und Konzertsälen droht.

Der wahre Zustand einer demokratischen Gesellschaft offenbart sich in der Kommunikationsfähigkeit ihrer Mitglieder. Sprachlosigkeit und innere Emigration fördern bei den meisten von uns keinen Gemeinsinn, sondern bewirken Aufgabe und Resignation.

Ich bin kein Wissenschaftler, sondern ein derzeit stark im pädagogischen Bereich tätiger Künstler mit jahrzehntelanger Konzerterfahrung. Ich weiß, was es bedeutet, wenn das Publikum auch in großen Sälen kaum zu atmen wagt; wenn es Momente gibt, die plötzlich das Übersinnliche im Raum lebendig werden lassen. Ein Kunsterlebnis kann das Höchste und Edelste in uns hervorrufen: das Erschauern vor der Ewigkeit. Nur in Demut vor dem höchsten je Geschaffenen werden wir überlebensfähig sein, das ist meine tiefe innere Überzeugung. Der Besuch eines Konzerts oder einer Theateraufführung ist Gottesdienst für die Seele eines jeden Menschen, der sich mehr vom Leben ersehnt als ökonomische Reife und Maximierung.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Damen und Herren, bei alldem werden Sie sicher nachvollziehen können, wie sehr mich eine sprachliche Unsensibilität entsetzt hat, die Theater und Konzerthäuser in einem Atemzug mit Bars, Massagesalons und Bordellen zur Schließung verdammte. Wo sind wir hingekommen? Was sind unsere wahren, höchsten Werte?

Mein dringender Appell, meine herzlichste Bitte an Sie: Öffnen Sie ab Ende November wieder die Konzerthäuser und Theater, die sich mit viel Aufwand und Akribie um bestmögliche Hygienekonzepte bemüht und diese umgesetzt haben! Gestatten Sie den dort Tätigen, für Mitmenschen zu wirken, die der Früchte unserer teilweise jahrhundertealten Kunst- und Kulturtradition bedürfen.

Niemandem ist mit seelischer Verödung gedient, im Gegenteil: Die verheerenden Auswirkungen emotionaler Wüstenlandschaft erkennen wir schon heute am Horizont. Lassen Sie uns gemeinsam in der jetzigen bedrohlichen Situation der Kunst und Kultur die ihnen gebührenden und notwendigen Möglichkeiten geben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Mit vorzüglicher Hochachtung,

Prof. Gerald Fauth
Rektor der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.

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