Ein Symposium der TU Dresden widmet sich dem Phänomen des Cringe-Humors.

Dresden. Ein Gespenst geht um in der kulturellen Landschaft – das Gespenst des Cringe. Es befällt uns im Alltag, wenn wir unaufhaltsam in eine peinliche Situation schlittern oder wenn uns Fremdscham befällt, weil der Präsident der Vereinigten Staaten sich vor Publikum über Behinderte lustig macht. Cringe überkommt uns als körperliche, intensive Reaktion, lässt uns innerlich verkrampfen und unsere Augen abwenden, ohne dass wir uns seiner Faszination entziehen können – sei es im Alltag, im Reality-Fernsehen, in qualvollen Video-Challenges auf YouTube oder in Comedy-Shows, die mit Vorliebe die Political Correctness aufs Korn nehmen.

Los ging es mit Jackass, der MTV Show, die gerade ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert und die als eine der ersten Sendungen nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für die Zuschauer in gewisser Weise schmerzhaft war – und eben dadurch große Erfolge feiern konnte. Es folgte eine Welle des Cringe-Humors mit Formaten wie The Office, die zwar ihre Protagonisten körperlich weniger beanspruchten, beim Publikum aber ähnliches Unwohlsein und trotzdem Faszination auslösten.

Eine von der Professur für Englische Literaturwissenschaft der TU Dresden veranstaltete Tagung mit dem Titel Painful Laughter will nun herausfinden, was hinter dem Erfolg solcher Sendungen, aber auch zahlreicher Clips auf YouTube oder TikTok steckt. Welche Faszination üben Fremdscham und Cringe auf das Publikum aus, wie führt Cringe-Humor traditionelle Auffassungen vom Lachen ad absurdum und welche Rolle spielen dabei kulturelle Ängste und Backlash-Phänomene? Dafür werden sich die internationalen Referentinnen und Referenten aus Soziologie, Neurowissenschaft sowie Kultur- und Medienwissenschaften mit den psychologischen und medialen Aspekten des Phänomens befassen. Das Programm wird von einem Gespräch mit dem Regisseur Robert Weide abgerundet, der in Dokumentarfilmen die Geschichte des amerikanischen Humors aufgearbeitet hat und auch für bekannte Cringe-Comedyshows wie Curb Your Enthusiasm tätig ist.

Warum Cringe so interessant für Forscherinnen und Forscher aus aller Welt ist, erklärt Dr. Wieland Schwanebeck, Organisator der Tagung und Privatdozent an der Professur für Englische Literaturwissenschaft der TU Dresden: Cringe begegne uns mittlerweile nicht nur in Fernsehen und Internet, sondern nehme auch auf der politischen Bühne immer mehr Platz ein – was auch die Reaktionen auf die erste Präsidentschaftsdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden in diesem Jahr zeigten. Gleichzeitig scheine Cringe eine Reaktion auf die Unsicherheit in Bezug auf zeitgenössische gesellschaftliche Ansprüche im Rahmen der Political Correctness zu sein. Dies mache Cringe auch für die Geschichte des Humors interessant: Während das Lachen für gewöhnlich mit einem Wohlgefühl assoziiert werde, und sei es das Wohlgefühl eine unsympathische Person auslachen zu können, entstehe das Lachen des Cringe-Humors aus Verzweiflung. Und vermutlich passt eine Tagung zum Lachen aus Verzweiflung in kein Jahr so gut wie in dieses.

Die Tagung wird von der VolkswagenStiftung gefördert und findet vom 14. bis 16. Oktober 2020 im Schloss Herrenhausen (Hannover) statt.

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