Pixabay License
Marktplatz Anzeigen

Ist Corona ein Verstärker?

Erfurt. Mehr als jede dritte Lehrperson, Erzieherin und sonderpädagogische Fachkraft (35 Prozent) hat in den wenigen Wochen seit der Wiederöffnung der Schulen bereits selbst seelische Gewalt erfahren, fast jede sechste (14 Prozent) körperliche. Dies geht aus einer aktuellen, nichtrepräsentativen Umfrage des tlv thüringer lehrerverband hervor, an der sich insgesamt 188 Personen beteiligt haben. Der Anteil derer, die entsprechende Fälle im Kollegium mitbekommen haben, liegt mit 42 Prozent für seelische und 17 Prozent für körperliche Gewalt noch höher.

Stark heterogene Ergebnisse

Besonders häufig werden der Umfrage zufolge Frauen Opfer schulischer Gewalt – es zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während nur 2 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Männer von körperlicher und 17 Prozent von seelischer Gewalt betroffen waren, lagen diese Werte mit 17 bzw. 40 Prozent bei den Frauen um ein Vielfaches höher.

Mit Blick auf die Altersstrukturen zeigte sich: Die unter-50-Jährigen sind mit 16 bzw. 44 Prozent deutlich öfter betroffen als ihre älteren Kollegen (11 bzw. 26 Prozent).

Und auch bei den Schularten werden erhebliche Unterschiede deutlich: Körperliche Gewalt haben an den Grundschulen 21 Prozent, an den Regelschulen 17 Prozent und an den Gymnasien 0 Prozent der Kollegen erlebt. Seelische Gewalt meldeten 36 Prozent der teilnehmenden Grundschulen, 43 Prozent der Regelschulen und 9 Prozent der Gymnasien.

Die Corona-Pandemie als Verstärker?

Der tlv hat sich in seiner nichtrepräsentativen Umfrage auch mit den möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Auftreten schulischer Gewalt bezogen. Offenbar ist diese besondere Zeit nicht spurlos an den Kindern und Jugendlichen vorbeigegangen: Mehr als jede fünfte Lehrperson, Erzieherin und sonderpädagogische Fachkraft in Thüringen (21 Prozent) sieht nach den wochenlangen Schulschließungen bei den Schülern eine stärkere Neigung zu seelischen Übergriffen als vorher. 13 Prozent, also fast jeder sechste Teilnehmer, hat zudem eine stärkere Neigung zu körperlichen Übergriffen festgestellt. Besonders stark schätzten die Kollegen an den Regelschulen die Zunahme von körperlicher (17 Prozent) und seelischer (23 Prozent) Gewalt ein.

Und selbst während der Schulschließungen gab es offenbar Gewalt. Insgesamt 12 Prozent der Teilnehmer haben in dieser Zeit Zwischenfälle erlebt: 2 Prozent körperliche Angriffe in der Notbetreuung, 5 Prozent seelische Gewalt in der Notbetreuung, sechs Prozent seelische Gewalt in schriftlicher Form, also per Mail, Textnachricht o.ä. und 3 Prozent seelische Gewalt per Telefon. Hierbei waren die Eltern fast doppelt so häufig Täter wie die Schüler, während sonst vor allem die Schüler für die Vorfälle verantwortlich sind.

Gewalt belastet die Betroffenen stark

Der Gedanke, am Arbeitsplatz Schule Opfer von seelischer oder körperlicher Gewalt zu sein oder vielleicht zu werden, belastet mehr als jeden dritten Umfrageteilnehmer stark: Auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 für „überhaupt nicht“ und 10 für „extrem“ stand, wählten 35 Prozent einen Wert von 7 oder mehr.

Erschreckende Ergebnisse auch bei bundesweiter forsa-Studie

Die Ergebnisse in Thüringen bestätigen das, was der VBE Verband Bildung und Erziehung, dessen Landesverband der tlv ist, in einer bundesweiten repräsentativen forsa-Umfrage unter 1302 Schulleitungen herausgefunden hat: Schulische Gewalt hat seit der letzten bundesweiten Erhebung im Jahr 2018 noch einmal signifikant zugenommen. 61 Prozent der Schulleitungen geben 2020 an, dass es in den letzten fünf Jahren an ihrer Schule Fälle gab, in denen Lehrkräfte direkte psychische Gewalt erlebten. 2018 sagten dies 48 Prozent. Eine ähnliche starke Steigung gibt es auch bei der psychischen Gewalt über das Internet. Gaben 2018 noch 20 Prozent der Schulleitungen an, dass diese aufgetreten sei, berichten es nun 32 Prozent. Auf diesem Niveau liegt auch das Erleben körperlicher Gewalt. 34 Prozent der Schulleitungen geben an, dass es an ihrer Schule in den letzten 5 Jahren Lehrkräfte gab, die dies erlebten. 2018 waren es noch 26 Prozent.

„Wir brauchen keine Faltblätter!“

Als „absolut erschütternd“ bezeichnet der tlv-Landesvorsitzende Rolf Busch die Ergebnisse beider Umfragen. „Wir beschäftigen uns jetzt seit 2016 mit dem Thema schulische Gewalt. Aber außer Betroffenheit hat das offenbar nichts bewirkt. Wir brauchen keine Faltblätter und keine gutgemeinten Reden aus der Politik, sondern konkrete Hilfen vor Ort – und zwar in Form von multiprofessionellen Teams, die flächendeckend und ständig zur Verfügung stehen. Um die Kolleginnen und Kollegen zu stärken und zu schützen, sind Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter, aber auch Schulgesundheitsfachkräfte und ein enger Draht zu den Behörden unverzichtbar.“ Darüber hinaus, so Busch, müssten alle in den Schulen Beschäftigten die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. Dazu zählten neben der unbürokratischen Meldung und schnellen Hilfe nach einem Vorfall auch die konsequente Erfassung sämtlicher Übergriffe in den Statistiken.

Marktplatz Anzeigen

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.