Chemnitz. In einem Garagenhof mitten in Chemnitz stellten Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und Projektleiter Ferenc Csák am 23. September das zweite Bewerbungsbuch für den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 vor.

Vergangenen Freitag hatten sich 39 Radsportler aus Chemnitz und der Region auf den Weg gemacht, um über 1200 Kilometer ein C auf die deutsche Landkarte zu schreiben. Im Gepäck: das zweite Bewerbungsbuch der Stadt Chemnitz um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025. Die spektakuläre Tour, die dank bürgerschaftlichem Engagement in unserer sportverrückten Stadt entstand, endet am Sonntagnachmittag vor dem Brandenburger Tor – und mit der Abgabe des Bewerbungsbuches bei Kulturstiftung der Länder als Organisatorin des Auswahlverfahrens.

Am Montag, dem 21. September, 24 Uhr endete die offizielle Einreichefrist für das Bewerbungsbuch – und somit veröffentlichte Chemnitz heute das abgegebene Dokument. Ausführlicher als im ersten Buch ist dort beschrieben, welchen europäischen Themen und welchem Leitmotiv sich die Stadt mit dem Titel widmet, welches internationale kulturelle und künstlerische Programm geplant ist, welche Strukturen zur Umsetzung geschaffen werden und welches Budget dafür gesichert ist.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig: „Mit diesem Bewerbungsbuch werfen wir das Beste in die Waagschale, was Chemnitz hat: die Macherinnen und Macher. Für uns ist es von Anfang wichtig gewesen, eine Bewerbung abzugeben, die die Menschen, das bürgerschaftliche Engagement, in den Mittelpunkt stellen. Allein der Bewerbungsprozess hat eine besondere Energie in der Chemnitzer Bevölkerung freigesetzt, viele haben Mikroprojekte erdacht, Nimm-Platz-Projekte umgesetzt – oder eben unser Bewerbungsbuch quer durch Deutschland auf dem Rad nach Berlin gebracht.

Und nun möchten wir 2025 die Macherinnen und Macher aus ganz Europa zu uns einladen, um ein internationales Netzwerk aktiver demokratischer Europäer zu schaffen, die gemeinsam Lösungen für die drängenden Fragen unserer Zeit entwickeln.“

Projektleiter Ferenc Csák: „Nachdem wir uns anfangs mit den hiesigen Akteuren und Initiativen über unsere Ziele für Chemnitz2025 vergewissert haben, sind auch immer mehr internationale Perspektiven und ein intensiver europäischer Austausch hinzugekommen. Auf diesem Weg sind unzählige kreative Ideen und Projektskizzen entstanden, die nun zwar nicht alle ins Bewerbungsbuch gepasst haben, aber dennoch auf der Agenda bleiben. Denn mit unserem Programm fordern wir die Mitwirkung vieler ein, möchten wir Macherinnen und Macher bei der Umsetzung ihrer Ideen aktiv unterstützen.“

Nach der Abgabe des Bewerbungsbuches steht dem Team nun der digitale Jury-Besuch am 22. Oktober und eine digitale Präsentation am 26. Oktober bevor, ehe die europäische Jury am 28. Oktober in einer Pressekonferenz ihre Empfehlung für die deutsche Kulturhauptstadt Europas 2025 bekannt gibt.


Leitmotiv der Chemnitzer Bewerbung

Chemnitz ist die Stadt der Macherinnen und Macher. Belege dafür bietet die Historie zu allen Zeiten – und auch der Bewerbungsprozess wurde von Beginn an getragen durch viele unermüdliche Akteure, ehrenamtlich Engagierte und bürgerschaftliche Initiativen.

So setzt die Bewerbung nicht von ungefähr auf das Machen, auf DIY, auf den „Künstler in Dir“, auf die Autodidakten, auf den kreativen Prozess.

Das gemeinsame Machen ist der Schritt aufeinander zu in einer europäischen Gesellschaft, die den konstruktiven Austausch in Diskussionen zunehmend scheut. Vor allem in Osteuropa hat die Brutalität und Geschwindigkeit des Wandels in den letzten 30 Jahren viele Verletzung hinterlassen, die im Verbogenen nachwirken. So haben sich unzählige Menschen aus der politischen Debatte zurückgezogen. Während extreme politische Meinungen lauter werden, wie etwa im August 2018 in Chemnitz, schweigt die Mitte. Chemnitz2025 möchte diese „stille Mitte“ ermutigen, sich wieder einzumischen: in den Nachbarschaften, in den Städten, in den Regionen Europas. Denn die Herausforderung in Europa braucht es aktive Europäer: im Kampf gegen den Klimawandel, im Umgang mit dem demografischen Wandel, bei der Eindämmung der sozialen und wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie.

Chemnitz2025 wird diesen aktiven Europäern zur Selbstwirksamkeit verhelfen: mit der Plattform maker-space.eu – einem innovativen digitalen Werkzeug, das analoge und digitale Aktivitäten zusammenbringt, den internationalen Austausch fördert, hybride Projekte ermöglicht, Netzwerke schafft.

Gleichzeitig wird die Europäische Werkstatt für Kultur und Demokratie (EWKD) in der Hartmann-Fabrik zum physischen Zentrum des Programms. Mit einem breit angelegten Workshop- und Schulungsprogramm wird das Haus in den nächsten Jahren zum Anlaufpunkt für Macher, zum Experimentierraum, zum Ausgangspunkt für die Akademie der Autodidakten, zum
wissenschaftlichen Zentrum im Bereich Rechtsextremismus und zum lebendigen Archiv. Im Jahr 2025 wird dort auch das Besucherzentrum der europäischen Kulturhauptstadt eingebaut.

Motto der Bewerbung

Mit dem Motto „C the unseen“ will Chemnitz2025 all jenen einen kreativen Ausdruck verleihen, die in der „stillen Mitte“ unsichtbar, unhörbar geworden sind. Mit dem Programm für den europäischen Kulturhauptstadt-Prozess und das europäische Kulturhauptstadtjahr soll nicht nur Chemnitz für Europa sichtbar werden, sondern jede andere Stadt oder Region in Europa, die ein starkes Statement für ein demokratisches Miteinander beisteuert – und ganz besonders sollen die Menschen sichtbar werden, die im kreativen Prozess mithelfen, eine weltoffene diverse Gemeinschaft über Ländergrenzen hinweg zu leben.

Das künstlerische Programm

Chemnitz2025 wird die öffentlichen Räume zwischen den Gebäuden der Stadt und der Region füllen, wird dort stattfinden, wo die Menschen sind. Aber Chemnitz2025 wird auch Ort neu entdecken, die Stadt am Fluss oder die sogenannten losgelösten Orte, die viele Menschen zwar passieren aber nicht wahrnehmen, nicht sehen. Das Programm fordert auf, die eigenen Talente zu erkennen und diese einzubringen. Dazu gibt es vier große Programmlinien.

Eastern State of Mind

Chemnitz ist eine osteuropäische Stadt in einem westeuropäischen Land. In der Stadt lebt die Erfahrung vom Zusammenhalt in schwierigen Zeiten genauso wie die Fragilität der Verhältnisse. Die Geisteshaltung des Ostens ist geprägt von der Machermentalität und dem Gemeinschaftssinn der Menschen, manifestiert sich in der Gestaltung von der Architektur bis zum Alltagsgegenstand, in der improvisierten Lösung oder der künstlerischen Arbeit.

Orte, an denen genau diese Geschichte im verborgenen noch existiert, sind die Garagen. Längst zu klein geworden für die Karossen der Neuzeit, sind sie Werkstätten, Lagerräume, Refugien ganz privater Geschichten. Chemnitz2025 öffnet 3.000 Garagen als individuelle Werkstätten der Interaktion. Sie werden zu Treffpunkten der Bürgerinnen und Bürger, öffnen den Geist und die Herzen, decken Geheimnisse auf, rufen Erinnerungen hervor, erzählen Geschichten.

z.B. die Garage als Schatztruhe – ein Theater der Fundsachen

Garagenbesitzer aus ganz Europa öffnen die Türen zu ihrer privaten, geheimen Welt. Gemeinsam mit dem Figurentheater Chemnitz werden sie aus den persönlichen Fundsachen und Geschichten kleine Figurentheater-Stücke entwickeln, die auf der Bühne einer mobilen Garage aufgeführt werden.

Zugleich werden die Gegenstände und Stories via Instagram gesammelt, um auch digitale Geschichten zu erzählen.

z.B. die Garage der Autodidakten

Dem Vorbild des Bauhauses folgend, entsteht in Zusammenarbeit mit der Bauhaus Universität Weimar eine Design- und Kunstschule für junge, enthusiastische Menschen. Je nach Interesse und Fertigkeit können sie in der Garage der Autodidakten an einem künstlerischen Bildungsprogramm teilnehmen – wahlweise in den Bereichen Material und Werkzeuge, Farben und Kompositionen oder Kulturmanagement. Die Lehrer sind ebenfalls Autodidakten.

Generous Neighbours

Europas Politik der offenen Grenzen macht uns alle zu Nachbarn. Und was das für unsere demokratischen Werte wie Respekt und Toleranz bedeutet, können wir im direkten Wohnumfeld täglich erfahren. Obwohl wir Tür an Tür leben, haben wir ganz unterschiedliche Meinungen, Hobbies, Rituale, Vorlieben. Trotzdem kommen wir an der Türschwelle zusammen – über den Smalltalk, den Austausch von Erfahrungen, das gemeinsame Machen. Das hält unsere Gesellschaft zusammen.

z. B. die Parade der Apfelbäume

Dem Prinzip der essbaren Stadt folgend, werden sich 4.000 Apfelbäume in 2.000 verschiedenen Sorten quer durch die Stadt ziehen, jeder einzelne gepflegt und gesponsert von einem Paten vor Ort, der dort auch internationale Gäste empfängt und Gastgeber für kulturelle Events wird. Künstler aus verschiedenen Ländern werden parallel dazu einen Kunstparcour mit dem Titel „WE PARAPOM“ entstehen lassen, auf dass die Parade Eigentumsgrenzen und soziale Grenzen überwindet. Dank der interaktiven Gaming-App „Go Apple go“, basierend auf Pokémon Go kommt schließlich ein Bildungsaspekt hinzu, der auf Nachhaltigkeit, Ressourcen und Migration abzielt. Verschiedene Events vom Apfelblütenfest bis zum Slow Food Movement mit den besten Apfelkuchenrezepten werden das Thema begleiten.

Makers²

Das Programm führt Bürgerinnen und Bürger aus ganz Europa über das Machen, das kreative Schaffen zusammen. Von urban culture bis Tourismus, vom Austausch unter Profis bis zur Vernetzung von Laien reicht die Spannbreite des gemeinsamen Machens.

z.B. Maker, Business & Arts MBA25

Es sind die außergewöhnlichen Ideen, die Unternehmen heute erfolgreich machen. Aus diesem Grund und weil Chemnitz wie anderen Industriestädten ein Strukturwandel in der Industrie bevor steht, bringt das Programm die Macher aus Kunst und Wirtschaft gleichberechtigt zusammen: Europäer aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, aufstrebende und etablierte Unternehmen, Studenten und professionelle Partner finden in der Kollaboration neue Energie und schöpferische Stärke. Mit verschiedenen „Macher-Hubs“ (z.B. Stadtwirtschaft) in Chemnitz und Region entsteht ein experimentierfreudiges Netzwerk, das ein Kompetenzprogramm für Unternehmen ebenso beinhaltet wie ein Forschungs- und Austauschprogramm für Macher bzw. ein kreatives Tourismusprogramm mit dem Macher aus ganz Europa eingeladen werden, sich das kulturelle Erbe der Region mit den eigenen Händen zu erschließen.

z.B. Die Autodidakten

Ohne Autodidakten wäre die europäische Kunstwelt nur halb so spannend. Deshalb widmet ihnen die Kunstsammlung Chemnitz von 2022 bis 2025 eine große Ausstellungsserie: von Frida Kahlo über Henry van de Velde bis Edvard Munch. In allen drei Ausstellungen wird mit Künstlicher Intelligenz experimentiert und es entsteht die Kunst der interagierenden Ausstellungsbesucher. Begleitend lädt das CC AIR Künstler-in-Residenz-Programm internationale Autodidakten im Bereich der bildenden Künste, der Musik, der Literatur und des Films ein – die Residenz ist ab 2021 zweimal jährlich für drei Monate geplant.

It’s moving

Die Dinge in Bewegung bringen, etwas anstoßen, voran treiben – die europäischen Macher sind unterwegs. Chemnitz2025 führt sie in die Region, wo die Bergbautradition und Industriegeschichte stolz gelebt wird über Ländergrenzen hinweg.

z.B. Purple Path

Der Kunstparcour zieht sich durch die gesamte Region rund um Chemnitz. Junge künstlerische Positionen werden an 28 permanenten oder temporären Standorten präsentiert – und während Wanderwege je nach Schwierigkeitsgrad gelb, rot, blau oder schwarz markiert werden, führen wir die neue Farbe für Kunst und Unterhaltung ein: Der Purple Path schlängelt sich aber nicht nur durch das Umland, sondern auch durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, reflektiert die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Historie der Wismut, stößt nachhaltige Naturprojekte an oder beschäftigt sich mit den Frauen von Hoheneck.

z. B. Europäische Friedensfahrt

Das berühmteste Amateur-Radrennen des Ostens kommt zurück – und feiert die Fahrradsport-Begeisterung der Region. Das Rennen startet 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Pilsen (Europäische Kulturhauptstadt 2015), passiert den Korridor, in dem 1945 die amerikanischen auf die sowjetischen Truppen trafen und endet nach zwei Tagen und 170 Kilometern in Chemnitz. Eingeladen werden nicht nur Fahrer-Teams aus ehemaligen Kulturhauptstädten Europas, sondern auch Radfahrer aus ganz Europa, die entlang der Strecke ein breites Kulturprogramm und tschechisch-deutsche Gastfreundschaft erleben.

Das zweite Bewerbungsbuch ist wie der gesamte Bewerbungsprozess ein Werk vieler. Es ist das Arbeitsbuch, die Skizzenmappe für Chemnitz2025 – und ganz dem Leitmotiv folgend von leidenschaftlichen Machern produziert.

Ab heute ist es unter www.chemnitz2025.de online abrufbar – als Originaldokument in englischer Sprache.
Eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit.

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