Thüringer Lehrerverband bedrückt Sorgen zum Schuljahresbeginn

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  • „Schulen brauchen jetzt dringend Unterstützung!“
  • Konkrete Hilfen fehlen
  • Digitalisierungsstand: Note „mangelhaft“

Erfurt. Mit einem eindringlichen Appell hat sich der tlv thüringer lehrerverband heute an die Öffentlichkeit gewandt. „Wir stehen vor dem wahrscheinlich schwierigsten Schuljahresbeginn der letzten Jahrzehnte“, konstatierte der tlv-Landesvorsitzende Rolf Busch. „Die Schulen brauchen jetzt dringend konkrete Unterstützungsangebote. Die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft fordern, dass alles wieder so funktioniert wie vor der Pandemie. Aber keiner sagt, wie es funktionieren kann. Dabei ist die Welt durch die Pandemie eine andere geworden.“

Stufenplan vs. Tagesgeschehen

Der von der Landesregierung entwickelte Stufenplan – ein Ampelsystem – sehe vor, dass zunächst alle Schulen auf der Stufe 1, also Grün, den Betrieb aufnehmen. Dabei, so erläuterte Busch, finde Unterricht genau wie vor der Pandemie statt: ohne Abstandsgebote, ohne Masken und mit einer Präsenzpflicht für alle Lehrer und Schüler, ungeachtet deren Risikomerkmalen. „Es wird alles auf Anfang gesetzt“, so die Einschätzung des tlv, „und erst bei Auftreten von Infektionen erfolgen Reaktionen.“ Es sei nachvollziehbar, dass viele gesundheitlich vorbelastete Kollegen, aber auch die Eltern mit vorerkrankten Kindern massive Ängste verspüren – auch angesichts der in den letzten Tagen wieder deutlich steigenden Infektionszahlen. „Und niemand hat Lösungen parat, wie den Menschen diese sehr realen Ängste genommen werden können.“

Personalprobleme weiterhin ungelöst

Hinzu komme, so Busch, dass auch in punkto Personalversorgung keinerlei Entspannung in Sicht sei. „Die Pandemie hat in den letzten Monaten alles überschattet. Aber Fakt ist: Nach Recherchen des tlv sind – Stand gestern –mindestens 305 unbefristete sowie 93 befristete Lehrerstellen in Thüringen noch nicht besetzt.“ Angesichts dessen, aber auch vor dem Hintergrund der enormen aktuellen Belastungen gerade im Grundschulbereich sei die von der Finanzministerin erteilte schroffe Absage an die Höhergruppierungspläne für die Grundschullehrer ein „fatales Signal mangelnder Wertschätzung und ein Mittel, Absolventen zum Abwandern zu verleiten.“

Ähnlich kritisch stehe es um die Umsetzung des Koalitionsversprechens, multiprofessionelle Teams flächendeckend zu installieren. Diese würden gerade in pandemischen Zeiten schmerzlich fehlen, so Busch. „Hätten wir beispielsweise Schulgesundheitsfachkräfte, wären die bereits im Frühjahr angekündigten Coronatests für die Lehrer viel besser umsetzbar.“ Stattdessen, so habe gerade am Vortag jemand aus dem Kreis Sonneberg berichtet, verweise die eigens für die Tests eingerichtete Hotline des Kultusministeriums lediglich auf eine Auflistung von Arztpraxen im Internet – und diese Praxen wüssten tlw. gar nichts davon oder würden grundsätzlich nur ihre Stammpatienten testen.

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Digitalisierung? Fehlanzeige!

Immerhin einen positiven Effekt habe die Zeit des Lockdowns gehabt, resümiert Busch: „Die Gesellschaft ist offener geworden für die Möglichkeiten der Digitalisierung.“ Allerdings gelte dies leider nicht für die Schulen. „Die praktische Umsetzung steckt hier nach wie vor in den Kinderschuhen. Und das liegt keinesfalls am mangelnden Willen der Lehrer.“ So sei der Versuch, datenschutzkonforme Möglichkeiten für den Video-Unterricht zu finden, „ein einziges Trauerspiel“ gewesen. „Wochenlang wussten die Lehrer nur, was sie alles nicht dürfen. Dazu zählten Plattformen wie Zoom, aber auch die Messengerdienste und privaten E-Mail-Adressen. Aber was erlaubt war, lief technisch einfach nicht.“ Teilweise hätten Lehrer bei einer Befragung zu den digitalen Mitteln, die sie verwendet haben, angegeben: „Den Klassensprecher, der per WhatsApp-Gruppe die Klasse informierte.“

Ein weiteres Problem sei die Ausstattung der Schüler und Lehrer mit digitalen Endgeräten. „Für die Schüler kommt der Stein jetzt endlich ins Rollen. Wenn man sich allerdings die Bedingungen anschaut, sträuben sich die Nackenhaare: Mit dem Antrag auf die Gelder muss man zusichern, dass man auch den gesamten IT-Support dauerhaft finanziert.“ Für die Lehrer wiederum sei das Problem ein anderes: „Private Endgeräte sind nach aktuell geltenden Vorschriften nur im Ausnahmefall zur Verarbeitung von schülerbezogenen Daten zugelassen.“

Allerdings habe eine nicht-repräsentative Mitgliederumfrage des tlv vor den Sommerferien ergeben, dass mehr als die Hälfte der Lehrer in Thüringen keinen Zugriff auf einen dienstlichen Computer hat. Für die Nutzung des privaten Computers müssten jedoch eine Genehmigung beantragt und eine Verpflichtungserklärung abgegeben werden, die aus dem Jahr 2000 stamme. „In der Praxis werden hier längst andere Wege gegangen. Aber die Androhung einer Dienstpflichtverletzung schwebt wie ein Damoklesschwert über den Kollegen, die im Zeitalter der Digitalisierung mehr wollen als Arbeitsblätter ausdrucken und händisch verteilen.“

Es sei daher wenig verwunderlich, so das Resümee des tlv-Landesvorsitzenden, dass sowohl die befragten Mitglieder als auch die Schulleiter in Thüringen der Digitalisierung lediglich die Note 5 – „mangelhaft“ – erteilten.


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