Berlin. In der deutschen Tourismuswirtschaft wächst die Verzweiflung über existenzbedrohende Einbußen durch die Folgen der Coronakrise. In einer öffentlichen Anhörung des Tourismusausschusses bekräftigten Vertreterinnen und Vertreter der Branche am Mittwoch in dramatischen Appellen ihre Forderung nach einem staatlichen Rettungsfonds. Dieser müsse jetzt „sehr, sehr schnell“ eingerichtet werden, hieß es. Die Politik habe wertvolle Wochen vertrödelt. Es sei nicht mehr viel Zeit.

„Wir brauchen Geld, das eint uns alle“, sagte die Vorsitzende des Verbandes unabhängiger selbständiger Reisebüros, Marija Linnhoff. „Kommt das in den nächsten zwei Wochen nicht, dann gnade Ihnen Gott. Wir haben bereits Suizide in der Branche.“ Die Reisebüros hätten schon vor dem offiziellen Beginn der coronabedingten Restriktionen Mitte März keine Einnahmen mehr erzielt: „Sie haben keine Zeit mehr, es kann nicht so lange dauern – maximal zehn Tage.“ Wenn es bis dahin den geforderten Rettungsfonds nicht gebe, „drohen nicht nur Insolvenzen, sondern Schlimmeres“.

Die 11.000 Reisebüros und 3.000 Reiseveranstalter in Deutschland seien derzeit „per Gesetz verpflichtet, über Monate unentgeltlich zu arbeiten“, klagte Anke Budde vom Vorstand der Allianz selbständiger Reiseunternehmen. Allein 3.000 Beschäftigte der Reisebüros seien derzeit arbeitslos. Seit Mitte März arbeiteten die Betriebe nur noch Stornierungen ab. Zu zwei Dritteln befürchteten sie, das Jahresende nicht mehr zu erleben. Nur staatliche Direkthilfe könne ein „Massensterben touristischer Unternehmen“ noch abwenden.

Von einer „bitterernsten Notstandslage“ sprach auch der Präsident des Internationalen Bustouristik-Verbandes, Benedikt Esser: „Die Bus- und Gruppentouristik bricht jetzt schlicht zusammen.“ Durch das Verbot von Busreisen seien die Unternehmen seit Anfang März auf „Null-Umsätze“ festgenagelt bei gleichbleibend hohen Betriebskosten. Dies komme einem „Berufsverbot“ gleich, aus dem „schlicht der Zwang in die Insolvenz“ folge. „Machen Sie Druck“, appellierte Esser. „Das ist nicht mehr allein zu schaffen.“

Über eine kränkende Ansage aus dem Bundesgesundheitsministerium beschwerte sich Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes: Jahrmärkte und Volksfeste würden zuallerletzt wieder zugelassen, sie seien am ehesten verzichtbar. Hakelberg sah das als Zeichen der Missachtung für eine Branche, die auf eine 1.200-jährige Tradition zurückblicke, und unter deren 5.000 Betrieben viele in vierter oder fünfter Generation bestünden. Nach der Absage des Oktoberfestes zeichne sich ab, dass die Schausteller auch im Herbst noch keine Geschäfte machen. Wenn dann auch noch die Weihnachtsmärkte ausfielen, blieben sie 15 Monate ohne Verdienst.

Der Geschäftsführer des Ausstellungs- und Messeausschusses der Deutschen Wirtschaft, Jörn Holtmeier, wies darauf hin, dass in Deutschland zwei Drittel aller „Welt-Leitmessen“ stattfinden. Der Sektor zähle 230.000 Beschäftigte und erwirtschafte in einem normalen Jahr 28 Milliarden Euro. Seit Anfang März hätten die Messe-Veranstalter über zwölf Milliarden an Einbußen erlitten, und es seien mehr als 100.000 Arbeitsplätze „akut gefährdet“. Von „politisch unterlassener Hilfeleistung“ sprach der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reiseverbandes, Dirk Inger, und forderte 140 Millionen Euro für die Reisebüros und 120 Millionen für die Reiseveranstalter. Dies sei das „Minimum“, um die „Strukturen zu sichern“.

Norbert Kunz aus der Geschäftsführung des Deutschen Tourismusverbandes (DTV) wies darauf hin, dass von drei Millionen Beschäftigten der Branche derzeit eine Million in Kurzarbeit seien, und die Umsätze in diesem Jahr günstigstenfalls um 40, ungünstigstenfalls um 60 Prozent sinken würden.

Die 1.700 deutschen Jugendherbergen verlieren nach den Worten des Hauptgeschäftsführers des Jugendherbergswerks, Julian Schmitz, derzeit 500.000 Euro am Tag und hätten einen Finanzbedarf von 1,1 Milliarden. Zahlen nannte auch Guido Zöllick, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA): Nach seinen Worten belief sich der Umsatzrückgang der Branche im März auf 50 Prozent, im April auf 90 Prozent, im Mai auf 75 Prozent. Auch nach der partiellen Wiedereröffnung erwirtschafteten 80 Prozent der Betriebe weniger als 50 Prozent ihrer normalen Umsätze.


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