Straßen in der Potsdamer Mitte sollen nach Frauen benannt werden

Potsdam - CC0 Creative Commons - PIXABAY
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Martina Trauth: Starkes Zeichen, Frauen den gebührenden Platz in der Geschichte der Stadt einzuräumen.

Potsdam. Die neuen Straßen im Quartier rund um den Alten Markt in der Potsdamer Mitte sollen künftig nach Frauen benannt werden. Über eine entsprechende Beschlussvorlage der Landeshauptstadt beraten die Stadtverordneten in ihrer Sitzung am 6. November. „Es ist der richtige Schritt, die Straßen in der Potsdamer Mitte nach Frauen zu benennen. Drei Frauen als Namensgeberinnen für Straßen in der historischen Mitte sind ein starkes Zeichen dafür, Frauen ihren gebührenden Platz in der Geschichte Potsdams einzuräumen. In einer weltoffenen und toleranten Stadt sollte sich Geschichtsschreibung auch an den Verdiensten von Frauen orientieren. Statt Kaisern und Königen begegnen wir im Herzen unserer Stadt drei Frauen, die mit ihrem Engagement zur positiven Entwicklung der Stadt Potsdam und des gesellschaftlichen Lebens beigetragen und sich für menschliches Miteinander eingesetzt haben. An diesem Platz, in unmittelbarer Nachbarschaft des Landtages, sollen sie unser aller Mahnung für Freiheit und Demokratie sein“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Landeshauptstadt, Martina Trauth.

Die Mitglieder des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft hatten sich in ihrer Sitzung im September für die Benennung der neuen Straßen – die früher Schloßstraße, Kayserstraße und Schwertfegerstraße hießen – in Erika-Wolf-Straße, Anna-Zielenziger-Straße und Anna-Flügge-Straße ausgesprochen. „Straßen sind Teil unserer Lebenswelt. Ihre Namen ermöglichen es uns, der Vergangenheit im Alltag zu begegnen. Die Benennung von Straßen“, so Martina Trauth, „dient nicht nur der Identifikation einer Stadt mit ihrer Geschichte, sondern spiegelt auch die Einstellungen, Identitäten und Erinnerungen wider und diese sind so vielfältig wie unsere Stadtgesellschaft. Dies birgt selbstverständlich Konfliktpotenzial. Denn auch die Bewertung historischer Authentizität unterliegt im städtebaulichen Diskurs politischen, stadtgesellschaftlichen und kulturellen Argumentationen, anders als in der Denkmalpflege“.

Erika Wolf (1912-2003) war 1945 Mitbegründerin der CDU in Potsdam und war von 1946 bis zu ihrer Flucht nach Westdeutschland 1950 Stadtverordnete. Außerdem wirkte sie im CDU-Landesvorstand als Leiterin der Abteilung Frauen. Nach 1989 unterstützte Wolf den Wiederaufbau des CDU-Landesverbandes und lebte von 1994 bis zu ihrem Tod im Jahr 2003 wieder in der Landeshauptstadt.

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Anna Zielenziger (1867–1943) war Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins Potsdam und Beisitzerin im Mädchenheim Potsdam e.V.. Nach dem Tod ihres Ehemannes Julius, der unter anderem Potsdamer Stadtrat und Vorsitzender der Synagogengemeinde Potsdam war, emigrierte Zielenziger 1939 nach Amsterdam. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde die damals 76-Jährige von den Nazis verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork gebracht, wo sie am 22. November 1943 starb.

Anna Flügge (1885-1968) war eine deutsche Politikerin und Stadtverordnete der SPD in Potsdam. Die gebürtige Potsdamerin engagierte sich zudem in der Arbeiterwohlfahrt. Nach der Machtergreifung der Nazis und dem Verbot der SPD 1933 unterstützte sie die Herstellung und Verbreitung von Flugblättern. Nachdem die Polizei darauf aufmerksam wurde, stellte sie die illegale Arbeit ein und betätigte sich in den folgenden Jahren nicht mehr politisch. 1936 gründete die dreifache Mutter mit ihrem Ehemann den Kleingartenverein „Bergauf“ am Pfingstberg mit. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden ehemalige Funktionäre und Abgeordnete der Weimarer Republik von der Gestapo verhaftet, darunter auch Anna Flügge. Sie wurde ins KZ Ravensbrück verschleppt und kurze Zeit später wieder freigelassen. Nach Kriegsende trat Anna Flügge der SPD bei und war nach der Zwangseinheit der SPD und KPD 1946 Mitglied der SED. Am 19. Oktober 1968 starb sie in Potsdam.

Die Landeshauptstadt Potsdam hat einen sogenannten Straßennamenpool, der im Zusammenhang mit den Straßenbenennungen im neuen Stadtteil Bornstedter Feld Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre entstanden ist. Vorschlagsberechtigt ist grundsätzlich jeder Bürger und jede Bürgerin. In der Regel werden Namensvorschläge durch die Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung eingebracht. Die Aufnahme in den Namenspool erfolgt durch Beschluss der Stadtverordneten. Im Straßennamenpool befinden sich aktuell 88 Namensvorschläge, von denen 80 Frauen und Männer sind, sieben Städte – davon fünf noch nicht verwendeter Partnerstädte – und das Datum des 17. Juni 1953.


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