Nun werden auch in Thüringen Fakten gegen Werra-Bahn geschaffen.

Suhl. Bereits seit Jahren werden von einer breiten Basis an Akteuren, an deren Spitze die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen und die IHK zu Coburg stehen, Bemühungen um eine Reaktivierung der Werrabahn-Trasse zwischen Eisfeld und Coburg unternommen. Allerdings stellen eine Bebauung im Trassenbereich in der Gemeinde Lautertal (Landkreis Coburg) und auch das nicht erkennbare Bestreben auf bayerischer Seite um die Durchführung eines Raumordnungsverfahrens zur Trassenklärung Hemmnisse für ein Vorankommen in diesem Prozess dar. Wie der IHK Südthüringen jüngst bekannt wurde, sorgt nun auch eine laufende Straßenbaumaßnahme nahe Eisfeld für eine Verschlechterung der Ausgangslage, um den Lückenschluss zu realisieren.

Im Zuge eines Neubaus der K 530 auf einer Länge von ca. 350 m zwischen Eisfeld und Heid wird die ursprüngliche Werrabahn-Trasse für eine Verlegung der Kreisstraße mit in Anspruch genommen. „Es ist mir unerklärlich, wie für diese Maßnahme eine Baufreigabe erteilt werden konnte. Den Verfahrensbeteiligten scheint die Tragweite ihrer Entscheidung für eine potentiell überregional bedeutsame Schienenverbindung nicht klar zu sein“, kritisiert Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen, die Entwicklung.

Das Potential der Werrabahn in der Relation Eisenach-Meiningen-Eisfeld-Sonneberg ist derzeit mindergenutzt. Die Realisierung des Schienenlückenschlusses nach Coburg brächte deutliche Zeitersparnisse für Reisende mit sich. Nicht nur Touristen, sondern auch Berufstätige, die täglich zwischen Südthüringen und Oberfranken pendeln, könnten von einer Beschleunigung der Verbindung profitieren und eine praktikable Alternative zum eigenen Pkw vorfinden. „Der Schienenlückenschluss sorgt mit der zu erwartenden Erhöhung der Fahrgastzahlen gleichzeitig für eine Stärkung des ICE-Halts in Coburg und eröffnet den Einwohnern der Region einen schnellen Zugang zum Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn“, gibt Friedrich Herdan, Präsident der IHK zu Coburg, zu bedenken.

Auch der Schienengüterverkehr würde Vorteile aus einer durchgehenden und gut ausgebauten Werrabahn-Trasse ziehen. Die regionale Wirtschaft könnte Gütertransporte auf die Schiene verlagern und hätte über einen leistungsfähigen Verkehrskorridor beispielsweise schnellen Zugang nach Eisenach und Kassel weiter in Richtung Ruhrgebiet oder Nordseehäfen. Ebenso könnte der Schienengüterverkehr über die Werrabahn zu einer Entlastung der Strecken Bebra-Fulda und Würzburg-Nürnberg beitragen.

Trotz der aktuell nicht vorhandenen Nutzung für Bahnverkehre kann die frühere Werrabahn-Trasse nicht als entwidmet angesehen werden, was eine Nutzungsänderung durch Überplanung und Überbau ausschließt. Es erscheint daher sehr fraglich, ob im abgelaufenen Abwägungsprozess für die Baumaßnahme sämtliche einzubeziehende Umstände angemessen oder überhaupt berücksichtigt worden sind. Der Regionalplan Südwestthüringen würdigt die überregionale Bedeutung des Lückenschlusses und trifft die Festlegung, dass die Trasse durchgängig von entgegenstehenden Funktionen oder Nutzungen freigehalten werden soll. Ebenso ist es erklärtes Ziel der Thüringer Landesregierung, sich für eine Reaktivierung der ehemaligen Werrabahn einzusetzen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Klimadebatte entsteht zudem ein paradoxes Bild, wenn Maßnahmenbeschlüsse einem (Wieder-)Aufleben des Bahnverkehrs entgegenstehen. „Statt Fakten durch Eingriffe in die Trassensubstanz zu schaffen, müssen diese endlich mit der Durchführung eines Raumordnungsverfahrens geschaffen werden, um die genaue Trassenführung für den Lückenschluss unter den derzeitigen Rahmenbedingungen festzustellen und darauf aufbauend die konkreten Schritte zu dessen Realisierung zügig zu fixieren“, richtet Dr. Pieterwas einen deutlichen Appell an die politischen Entscheidungsträger.


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