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Begegungstage mit Ilse Junkermann und Friedrich Kramer | Margot Käßmann bei Festgottesdienst und Podiumsdiskussion

Eisenach. An den Jüdisch-christlichen Begegnungstagen im Rahmen der Thüringer Achava-Festspiele vom 19. bis 22. September in Eisenach beteiligt sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit zahlreichen Beiträgen.

So wird Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann die Sonderausstellung zum Eisenacher „Entjudungsinstitut“ im Lutherhaus mit eröffnen (19. September, 18 Uhr). Landesbischof Friedrich Kramer und die Kulturwissenschaftlerin Dr. Shelley Harten präsentieren in der Nikolaikirche ein Kunstprojekt der EKM zum jüdisch-christlichen Dialog (20. September, 17 Uhr).

Im Beisein von Ariela Kimchi, Tochter der Eisenacher Ehrenbürgerin Avital Ben-Chorin, werden die 1940 im Zuge der geplanten „Entjudung“ entfernten und wieder hergestellten Bibelworte an den Emporen der Georgenkirche enthüllt (21. September, 15 Uhr). Am 22. September predigt Margot Käßmann im Festgottesdienst in der Georgenkirche (10 Uhr), außerdem ist sie bei einer Podiumsdiskussion zu kirchlichem Antisemitismus im Festzelt mit Prof. Susannah Heschel (USA) sowie dem russischen Pianisten und Musikwissenschaftler Prof. Jascha Nemtsov dabei (14 Uhr). Auch zahlreiche Bildungs-, Kultur- und Unterhaltungsangebote werden durch die EKM mit unterstützt.

Sonderausstellung im Lutherhaus:

Die Ausstellung mit dem Titel „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche ‚Entjudungsinstitut‘ 1939–1945“ läuft vom 20. September bis zum 31. Dezember 2021 mit der Option auf Verlängerung. Zum Inhalt zählen Entstehung, Ideologie und Arbeitsfelder des „Entjudungsinstituts“ mit Vorgeschichte sowie Wirkung und Aufarbeitung nach 1945. Auch die Bedeutung von Martin Luther für das Institut wird beleuchtet. Die Projektleitung übernimmt die Stiftung Lutherhaus Eisenach, Kuratoren sind Dr. Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der Stiftung, sowie Michael Weise M.A. Zum Wissenschaftlichen Beirat gehören Prof. Christopher Spehr, Prof. Jörg Ganzenmüller, Prof. Karl-Wilhelm Niebuhr (alle Jena), Prof. Harry Oelke (München) und Prof. Christian Wiese (Frankfurt a. M.). Die Schirmherrschaft teilen sich Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident, Ilse Junkermann, Landesbischöfin der EKM, und Prof. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

„Es gibt ein großes Bedürfnis, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und um das Gespräch fundiert und sachlich führen zu können, braucht es eine fundierte und sachliche Grundlage“, sagt Dr. Jochen Birkenmeier. „Die wollen wir mit der Ausstellung schaffen, mit einer Tagung vertiefen und mit den Begegnungstagen in die breite Öffentlichkeit tragen. Und zwar nicht nur, indem wir Menschen zu uns einladen, sondern auch, indem wir rausgehen an öffentliche Orte – so wie es uns beispielsweise beim Mahnmal zum ,Entjudungsinstitut’ schon gelungen ist, ein dauerhaft sichtbares Zeichen zu setzen“, so Birkenmeier. Der Fokus liege darauf, zu verstehen, wie es zu der Entwicklung damals kommen konnte – weg von einer reinen Schulddebatte hin zur Frage nach Ursachen, Strukturen und Nachwirkungen. „Wir wollen Impulse geben, miteinander ins Gespräch zu kommen, und zwar mit einem fundierten Hintergrundwissen statt mit Schlagworten und Halbwissen“, betont Birkenmeier.

Zu der Ausstellung gibt es museumspädagogische Angebote wie die begleitete Entdeckung der Ausstellung mit Einführung und Nachbesprechung, einen Workshop zu Riten und Symbolen des Judentums „Von Widderhörnern und koscheren Gummibärchen“ und eine Kalligraphie-Werkstatt mit hebräischen, arabischen und deutschen Schriftzeichen. Die Module sind in Deutsch und Englisch täglich buchbar und werden auch für Menschen mit Migrationshintergrund, Behinderung oder einem niedrigen Bildungsniveau angeboten.

Bibelsprüche an den Emporen der Georgenkirche:

An den Emporen der Georgenkirche in Eisenach finden sich 22 Bibelsprüche und mehrere Bildtafeln. Wie die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde der Stadt erst durch Recherchen herausgefunden hatte, waren 1940 anlässlich einer Innenrenovierung der Kirche zwölf Bibelworte ersetzt worden, weil sie aus dem Alten Testament stammten oder weil in zwei neutestamentlichen Bibelversen auf Mose und Israel Bezug genommen wurde. Außerdem wurden Bilder teilweise deutlich übermalt, zum Beispiel um „jüdische“ Gesichtszüge zu verändern.

„Als Christ im 21. Jahrhundert befremdet mich das Vorgehen von damals sehr – umso mehr als so etwas nicht nur in Eisenach stattgefunden hat“, betont Stephan Köhler, Pfarrer der Georgenkirche. „Ist es doch ein großer Schatz, an dem wir als Christen mit den jüdischen Traditionen teilhaben. Jesus ist Jude gewesen und die Schriften der hebräischen Bibel waren für ihn die Heilige Schrift. Auch daher beklage und betrauere ich es sehr, dass uns das Gegenüber einer jüdischen Gemeinde in Eisenach genommen worden ist. Zugleich wird mir sehr deutlich, wie leicht wir uns als Menschen von dem uns umgebenden ,Geist der Zeit’ beeinflussen und auf Irrwege führen lassen“, so Köhler.

Jetzt möchte die Kirchengemeinde die 1940 getilgten Bibelverse wieder im Kirchenraum sichtbar machen: auf Leinwand gedruckt und in Aluminiumrahmen gespannt sollen sie vor die nur noch mit Ornamenten geschmückten Felder in der zweiten Empore gesetzt werden. Und zwar so, dass der Besucher ins Fragen kommt, wieso etwas anders aussieht und welche Geschichte dahintersteht. Deshalb wird eine moderne Schrifttype verwendet und weitgehend auf die Übersetzung „Luther 2017“ zurückgegriffen. Die Wiederanbringung soll teilweise über Spenden finanziert werden. Es wird mit Kosten in Höhe von etwa 500 bis 600 Euro pro Tafel gerechnet. Zusätzlich werden Flyer mit Hintergrundinformationen erstellt.

„Auch auf diese Weise möchte die Eisenacher Kirchengemeinde die Erinnerung an diese Geschichte lebendig halten und den Schatz leuchten lassen, den wir Christen in der ganzen Heiligen Schrift und eben auch in den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens haben. Zugleich soll das Projekt daran erinnern, dass wir immer wieder in der Gefahr stehen, wichtige Grundlagen unseres Glaubens auszublenden“, sagt Stephan Köhler.

Jüdisch-christliche Begegnungstage im Rahmen der Achava-Festspiele:

Die Jüdisch-christlichen Begegnungstage finden auf dem Lutherplatz und der Esplanade in Eisenach vom 19. bis 22. September statt. Veranstalter sind die Achava-Festspiele in Kooperation mit der Stiftung Lutherhaus Eisenach, der Stadt Eisenach, der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde und weiteren Partnern. Ziel ist es, die Tage des jüdisch-christlichen Dialogs für ein breites Publikum zu öffnen.

Zum Programm gehören unter anderem das Eröffnungskonzert mit Avi Avital & Thüringer Bach Collegium (19. September, 19.30 Uhr), am 20. September das ACHAVA-Straßenfest zum Weltkindertag (10-18 Uhr) sowie ein Schabbat-Abend im Festzelt auf dem Lutherplatz mit Jüdischem G‘ttesdienst und anschließendem Kiddusch mit Essen, Musik und Begegnung (19 Uhr). Am 22. September folgen ein Festgottesdienst in der Georgenkirche mit Predigt von Margot Käßmann und Musik vom Synagogalchor Leipzig (10 Uhr), eine Podiumsdiskussion zu kirchlichem Antisemitismus im Festzelt mit Margot Käßmann, Prof. Susannah Heschel (USA) sowie dem russischen Pianisten und Musikwissenschaftler Prof. Jascha Nemtsov (14 Uhr), ein Konzert in der Georgenkirche mit dem Synagogalchor Leipzig (16 Uhr) und ein Klavierrecital im Stadtschloss – Wladimir Stoupel spielt Werke von verfolgten und ermordeten jüdischen Komponisten der Neuen Musik (18.30 Uhr).

Kunstprojekt der EKM in der Nikolaikirche:

Die israelische Künstlerin Michal Fuchs ist Gewinnerin des Wettbewerbs „Mit Judenhass vergiftet. Versuch einer Entgiftung von Pfarrbibliotheken, Liedern und Köpfen“. Mit ihrem Projekt will sie mittels Pflanzen den Mythos vom „ewigen Juden“ ins Gespräch bringen. Die Jury aus Künstlern sowie Vertretern von Landeskirche und Kulturinstitutionen, darunter Landesbischöfin Ilse Junkermann, hatte entschieden, dass dieses Projekt nun umgesetzt wird.

Die EKM hatte das Kunstprojekt 2018 ausgeschrieben. „Wir wollten einen kritischen Diskurs anregen, indem wir die Nachwirkungen der antijudaistischen Arbeit des ‚Entjudungsinstitutes‘ bis in die heutige Zeit hinein reflektieren“, sagt Teja Begrich, Beauftragter der EKM für den Christlich-Jüdischen Dialog. „Es ging um uns Fragen wie: Kann es gelingen, die vor 80 Jahre unternommene Umdeutung und Umschreibung der biblischen Texte kenntlich zu machen? Welche Auswirkungen auf theologische aber auch gesellschaftliche Bilder haben diese Eingriffe auf die überlieferten Worte und deren Lesarten heute?“, so Begrich.

Michal Fuchs wurde 1983 in Haifa geboren. Sie studierte zunächst in Jerusalem klassische Malerei und seit 2014 Buchkunst und Metall an der Burg Giebichenstein. Seit 2010 lebt sie in Deutschland und beschäftigt sich künstlerisch mit ihrer jüdisch/israelischen Identität im Verhältnis zu Deutschland und ihrer Heimat. Ihr Projekt trägt den Titel „The Wandering Jew – der Ewige Jude“. Mit der Mexikanischen Dreimasterblume und dem Zebra-Ampelkraut verwendete sie Pflanzen, die sowohl auf Hebräisch als auch auf Englisch so heißen. Der Name rührt vom Charakter der Pflanzen her: Sie tauchen überall auf, können sehr lange Wurzeln entwickeln und überleben fast alles. Der Fokus der Künstlerin liegt auf den Wurzeln der Pflanzen als Symbol für Zugehörigkeit, Loslösung, Bewegung, Kontrolle, Griff und Identität. „Die Wurzeln, die vielleicht die jüdischen Wurzeln des Alten Testaments repräsentieren“, betont Teja Begrich.

Das Projekt soll seine Wirkung an unterschiedlichen Orten der EKM in Sachsen-Anhalt und Thüringen entfalten. Nach vier Monaten in der Nikolaikirche in Eisenach wird es einige Stationen weiter wandern. Die Besucher sollen sich Hängetöpfe mit Ablegern in ihre Gemeinden mitnehmen, um dort weiter über den Mythos vom „ewigen Juden“ nachzudenken.


Hintergrund:
Vor 80 Jahren, am 6. Mai 1939, haben elf evangelische Landeskirchen in Eisenach auf der Wartburg das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ gegründet, kurz „Entjudungsinstitut“ genannt. Ziel war es, Kirche und christlichen Glauben an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen. Eine entsprechende Bibelausgabe „Botschaft Gottes“ erschien 1940. Es folgten ein antisemitisch redigiertes Gesangbuch, ein Katechismus und eine ebenso umgearbeitete Ausgabe zum religiösen Brauchtum. Walter Grundmann, akademischer Direktor des Institutes, unterrichtete nach 1945 Generationen von Theologinnen und Theologen und bildete Katechetinnen aus. Die heutigen Nachfolger der Gründungskirchen: Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelische Landeskirche Anhalts, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Kirche der Pfalz, Evangelische Kirche Augsburgischen und Helvetischen Bekenntnisses in Österreich.


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