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Start einer dreiteiligen Vortrags- und Diskussionsreihe mit Hannes Heer am 14. Juli im Bauhaus-Museum Weimar

Weimar. Die Frage nach der Schuld an den Menschheitsverbrechen des Zweiten Weltkrieges wurde in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft weithin unterdrückt. Man entschied sich für eine Politik der Amnestie und Amnesie: Die 1949 gegründete Bundesrepublik integrierte die Mehrheit der NS-Eliten in den neuen Staat und ließ die von den Alliierten verurteilten Kriegsverbrecher meist nach wenigen Jahren frei. Gleichzeitig löschten die Deutschen die Verbrechen der Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis, indem sie diesen Teil der Geschichte abspalteten und ihn Anderen zuwiesen: “Mitte der fünfziger Jahre”, so der Historiker Norbert Frei, “hatte sich ein öffentliches Bewusstsein durchgesetzt, das die Verantwortung für die Schandtaten des ‘Dritten Reiches’ allein Hitler und einer kleinen Clique von Hauptkriegsverbrechern zuschrieb, während es den Deutschen in ihrer Gesamtheit den Status von politisch Verführten zubilligte, die der Krieg und seine Folgen schließlich sogar selber zu Opfern gemacht hatten.” Gegen dieses Geschichtsbild konnte sich die Wahrheit nur in Form von Tabubrüchen durchsetzen.

Im neuen Museumsquartier von Weimar, am ehemaligen NS-Gauforum, beleuchtet die Reihe “Der Skandal als vorlauter Bote” anhand von drei Beispielen die skandalträchtige Geschichte der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen in Deutschland:
14. Juli, 19 Uhr, im Bauhaus-Museum Weimar
Die Konfrontation mit dem Massenmord an den Juden: Die “Holocaust”-Serie (1979)

Die im Januar 1979 in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlte US-Serie “Holocaust” erzählt die Geschichte zweier deutscher Familien in Berlin, die sich kannten: Im Schicksal der Familie des jüdischen Arztes Dr. Josef Weiss konnte man alle Stationen der “Endlösung” nachvollziehen, und die Gegenfigur des Erik Dorf zeigt einen Juristen, der als einer der Vollstrecker des Völkermordes Karriere macht. Die Serie wurde ein “Straßenfeger” und für die deutsche Gesellschaft zum Schock: 20 Millionen saßen vor den Fernsehern, 70 Prozent von ihnen urteilten positiv und berichteten von Erschütterung, Scham und Tränen. Der Holocaust war in den deutschen Wohnzimmern angekommen: Aus einer abstrakten Opferzahl wurden Menschen mit Gesichtern und Namen. Die Serie markierte in der BRD den Beginn der Erforschung des Holocaust und einer Kultur der Erinnerung.

21. Juli, 19 Uhr, im Bauhaus-Museum Weimar
Die Wehrmachtsausstellung oder die Rückkehr der Täter (1996-1999)

Die 1995 eröffnete Ausstellung “Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” präsentierte einen zweiten deutschen Genozid, dem in Jugoslawien und in der Sowjetunion 32 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren. Zu verantworten hatten ihn 10 Millionen deutsche und österreichische Soldaten. Das war nicht nur das Ende der bisherigen Legende von der “sauberen Wehrmacht”, sondern auch in den Familien musste die Geschichte von Opa, Vater und Onkel umgeschrieben werden. Die Ausstellung, die von fast einer Million Menschen besucht worden war, wurde erst zum Gegenstand erbitterter Debatten, dann wegen angeblich “gefälschter” Fotos 1999 zurückgezogen und später rehabilitiert.

28. Juli, 19 Uhr, im Bauhaus-Museum Weimar
Der Brandstifter. Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche (1998)

Die Debatte um Martin Walser wurde durch eine Rede ausgelöst, in der der Schriftsteller 1998 das öffentliche Gedenken an den Holocaust als “Dauerpräsentation unserer Schande” angegriffen hatte. Im Streit mit Ignatz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Walser für sein Lob des “Wegsehens” und “Verdrängens” als “Brandstifter” bezeichnet hatte, präsentierte dieser sich als Sprecher der “schweigenden Mehrheit” und Vertreter eines neuen Antisemitismus. Der Kern seiner Rede war die Feststellung, die Deutschen seien wieder “ein normales Volk”, das keiner staatlich verordneten “Resozialisierung” wegen vergangener Verbrechen bedürfe.

Hannes Heer, Jahrgang 1941, studierte Geschichte und Literatur. Aufgrund seiner Aktivität im Sozialistischen Studentenbund (SDS) bekam er keine Zulassung als Referendar für den Schuldienst. In den 1990er Jahren leitete er das Ausstellungsprojekt “Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”. Seine Ausstellung “Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‘Juden’ aus der Oper 1933 bis 1945” ist heute dauerhaft auf dem Festspielhügel in Bayreuth zu sehen. Der Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher lebt in Hamburg.

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und der Klassik Stiftung Weimar

Gefördert im Rahmen des Landesprogramms “Denk bunt – Thüringer Landesprogramm für Demokratie Toleranz und Weltoffenheit!”

Ein Angebot im Weimarer Sommer 2019 .

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