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„Eisenberger Mohrenfest“ vom 24. bis 26. Mai 2019

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

zweifellos hat die Pflege regionaler Bräuche und Traditionen einen wichtigen Stellenwert im Leben vieler Menschen. Dazu gehört die überlieferte Fest- und Feierkultur, in der sich das Heimatgefühl und der Gemeinschaftssinn ausdrücken. Umso wichtiger ist es, sich mit dem Ursprung und mit der Symbolik von Traditionen zu beschäftigen. Dabei ist es allerdings auch notwendig, bestimmte Aspekte kritisch zu hinterfragen.

So verhält es sich auch mit dem Namen des sogenannten „Mohrenfestes“ in Eisenberg, das vom 24. bis 26. Mai 2019 stattfinden wird. Die Stadt Eisenberg trägt zudem einen sogenannten „Mohrenkopf“ im Stadtwappen, besitzt einen offiziell so bezeichneten „Mohrenbrunnen“ und gilt bis heute als „Mohrenstadt“.

Dieser Tradition liegt die Stadtsage zugrunde, in der ein versklavter Mensch afrikanischer Herkunft auf seine Hautfarbe und entsprechende rassistische Stereotypen reduziert wurde. Ein Mensch mit dunkler Hautfarbe wird in der Sage fälschlicherweise einer Straftat verdächtigt und anschließend durch Zufall entlastet; „ihm zu Ehren“ wird vermeintlich in der lokalen Tradition und im Stadtwappen erinnert. Dabei wird bis heute die rassistische Bezeichnung „Mohr“ offenbar völlig distanzlos verwendet.

Die Bezeichnung „Mohr“ verweist auf eine jahrhundertelange Geschichte von Kolonialverbrechen und das Ungleichwertigkeitsdenken gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe bzw. afrikanischer Herkunft. Die verbundenen Augen des „Mohren“ im Stadtwappen Eisenbergs müssen als eine Bezugnahme darauf verstanden werden.

Auch in der Gegenwart wird durch die Verwendung historischer Begriffe wie „Mohren“ oder durch ein solches Stadtwappen Menschen mit dunklen Hautfarbe pauschal der Status von „Fremden“ und „Exoten“ zugewiesen. Sie werden herabgewürdigt und ausgegrenzt. Dabei ist gleichgültig, ob Personen, die rassistische Begriffe oder Bilder verwenden, dies beabsichtigen. Entscheidend ist die Wirkung auf Betroffene.

Der Symbolcharakter, der von Namen wie „Mohrenfest“ auch im Jahr 2019 ausgeht, ist deshalb katastrophal. (Das Gleiche gilt für die Bildsprache von Stadtwappen und Stadtbrunnen.) Die unkritische Weiterverwendung von rassistischen Begriffen und Bildern in der Öffentlichkeit – besonders aus folkloristischen Gründen und zu Werbezwecken – verunsichert und verletzt Menschen mit dunkler Hautfarbe. Dies wird auch von vielen anderen Bürger*innen als beschämend empfunden, die sich für die Förderung einer weltoffenen, demokratischen und zeitgemäßen Kultur und Heimatpflege in Eisenberg, im Saale-Holzland-Kreis und in Thüringen einsetzen.

In Thüringen gibt es inzwischen mehrere Initiativen, die das historische Erbe des Kolonialismus und Rassismus in ihren Städten und Gemeinden kritisch aufarbeiten. Es ist an der Zeit, dass auch in Eisenberg eine kritische Auseinandersetzung mit dem lokalen Traditionsverständnis erfolgt. Dazu wollen wir die Bürger*innen Eisenbergs ermutigen und einladen.

Aus den oben genannten Gründen möchten wir Sie dazu anregen, über eine Umbenennung Ihres Stadtfestes nachzudenken. Gern sind wir bereit, dazu ein Gespräch mit Ihnen und den Mitveranstaltenden zu führen.

Mit freundlichem Gruß

das Thüringer Antidiskriminierungsnetzwerk – thadine

Weimar, den 20. Mai 2019.

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