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… in der Restaurierungswerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut

Weimar. In Kooperation mit der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen erweitert die Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Funktion ihrer Restaurierungswerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut in Weimar-Legefeld und eröffnet den Lehrbetrieb. Ziel ist es, die im Zuge der Brandfolgenbewältigung gewonnenen Kompetenzen auf dem Spezialgebiet der Mengenrestaurierung wertvollen fragmentierten Kulturguts (Papier) in den kommenden Jahren zu erhalten, zu vermitteln und weiterzuentwickeln. Zu diesem Zweck hat die Bibliothek im Rahmen einer Agenda für das kommende Jahrzehnt das Konzept einer Akademischen Lehrwerkstatt erarbeitet und wird es ab Mai 2019 gemeinsam mit der HAWK Hochschule erproben.

Während des Brandes der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 wurden 50.000 Bücher vernichtet. 118.000 beschädigte Bücher konnten geborgen werden. Nahezu alle Bücher, die Einbandschäden durch Feuer, Hitze und Löschwasser hatten, sind inzwischen restauriert worden. Die Restaurierungsaufträge wurden von 27 Werkstätten in ganz Europa ausgeführt. 25.000 Buchfragmente, die durch Feuer sehr schwer beschädigt aus dem Brandschutt geborgen wurden, hatten keine Einbände mehr. Hiervon können 15.000 Druckwerke und Musikhandschriften restauriert werden. Im Innern der mit Ascheschichten umhüllten Bücher finden sich in beträchtlichen Mengen Buchblöcke mit intakten Textspiegeln. Für die Stabilisierung und Restaurierung dieser sogenannten Aschebücher setzt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ein neu entwickeltes, für die Klassik Stiftung Weimar patentiertes Verfahren der Restaurierung großer Mengen stark beschädigter Papiere ein. Die Bearbeitung erfolgt blattweise. Seit 2008 wird dieses Mengenverfahren in der für diesen Zweck errichteten Restaurierungswerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut angewandt. Aus einer Menge von 7 Mio. geborgenen Blatt können bis 2028 1,5 Mio. Blatt gesichert und restauriert werden. Das Verfahren ermöglicht die Bearbeitung von 60.000 Blatt pro Jahr. Bis 2018 konnten bereits über 800.000 Blatt, also mehr als 50% dieser Schadensgruppe, restauriert werden. Ergebnis sind Bücher, in denen – mit einem funktionalen konservatorischen Einband versehen – wieder geblättert und gelesen werden kann.

Die Restaurierungswerkstatt ist die bundesweit einzige Einrichtung, in der Papiere mit gravierenden Schäden durch Feuer und Wasser in großen Mengen sehr sicher und mit maximalem Erhalt der Originalsubstanz bearbeitet werden können. Die in Weimar angewendeten Arbeitsprozesse – Restaurierung für Druckschriften und Stabilisierende Konservierung für Musikhandschriften – sind das Ergebnis einer mehrjährigen, für das Bibliotheks- und Archivwesen beispielgebenden Prozessentwicklung, die mit der für die Nassbehandlung brandgeschädigter Fragmente eingesetzten Kompressionskassette auch eine patentierte Komponente enthält. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der HAWK werden Studierende des Bachelor- und des Masterstudiengangs über einen Zeitraum von 14 Tagen pro Studiengang in der Weimarer Lehrwerkstatt praxisnah an den Restaurierungsarbeiten beteiligt oder in die Entwicklungsarbeit einbezogen. Diese Lehrveranstaltungen in Weimar sind im Curriculum verankert.

Die Werkstatt dient ab 2019 daher zugleich als Ausbildungsstätte, die den Wissenstransfer in die Lehre und Praxis trägt und von universitärer Forschung und Entwicklungsarbeit flankiert wird. In der Perspektive der Jahre 2021 bis 2028 ist die Werkstatt Teil eines Labors für Bestandserhaltung, das als Fachzentrum und Servicestelle zur Erhaltung beschädigter und abgebauter Papiere in großen Mengen im Sinne eines Dienstleistungsunternehmens für öffentliche und kirchliche Einrichtungen (Archive, Bibliotheken, Museen) weiterentwickelt werden soll. In der Werkstatt arbeitet ein Team aus sechs Restauratorinnen.

Die HAWK ist gegenwärtig die einzige Hochschule in Deutschland, die fachlich das Gebiet der konservatorischen und restauratorischen Mengenbehandlung von Schriftgut in der Lehre berücksichtigt. Mengenbehandlung von Schriftgut ist durch arbeitsteilige und weitgehend standardisierte Prozessabläufe gekennzeichnet. Dadurch unterscheidet sie sich von der Einzelobjektbearbeitung, bei welcher die/der Ausführende stets alle erforderlichen Arbeitsschritte an einem Objekt durchführt. Bei der Mengenbehandlung sind Erhaltungs- und Behandlungsziele im Detail abgestimmt. Verfahrensanweisungen legen die technische Werkstattausstattung, die Arbeitsmittel und Materialien sowie die Abfolge und Inhalte der einzelnen Behandlungsschritte fest. Die Ergebnisse werden nach festgelegten Qualitätskriterien überprüft. Diese geregelte Durchführung erleichtert auch das Erlernen der Restaurierungsarbeiten. Studierende des Bachelorstudiengangs können gut auf die einzelnen Tätigkeiten vorbereitet werden, und sie können diese durch die Mitarbeit im Regelbetrieb der Lehrwerkstatt üben. Mit Studierenden des Masterstudiengangs sollen die Weimarer Restaurierungsprozesse untersucht werden, mit dem Ziel, zu versuchen, weitere Mengenprozesse für andere Mengenschadensgruppen (z. B. Schimmelbefall, Papierzerfall) zu entwickeln. Ein wichtiges Ziel des Masterstudiengangs ist es, Studierende auf eine interdisziplinäre Entwicklungsarbeit vorzubereiten. In Kooperation mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek können Praxistraining und reale Aufgabenstellungen für die Behandlung von Mengenschäden in die Lehre eingebunden werden.

Fachbeirat
Das Weimarer Brandfolgenmanagement wird seit 2007 evaluierend und beratend begleitet durch einen internationalen Fachbeirat, der zur Zeit mit Vertreterinnen und Vertretern aus vier Einrichtungen besetzt ist: Dr. Irmhild Ceynowa (Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR), Bayerische Staatsbibliothek München), Prof. Dipl. Ing. Dipl. Rest. Ulrike Hähner (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen, Studienrichtung Konservierung und Restaurierung von Schriftgut, Buch und Grafik), Elias Kreyenbühl (Universitätsbibliothek Basel, Digitalisierung), Prof. Dr. Antje Potthast (University of Natural Resources and Life Sciences Wien, Dept. of Chemistry, Div. of Chemistry of Renewables).

Finanzierung
Für die Restaurierungsarbeiten 2004 bis 2018 wurden Sach- und Personalmittel in Höhe von ca. 18 Mio. Euro aufgewandt. Bis 2028 werden für diesen Zweck voraussichtlich weitere 9 Mio. Euro ausgegeben. An der Finanzierung beteiligt sind der Bund, der Freistaat Thüringen sowie zahlreiche Stiftungen und Spender. Die Ausstattung der Legefelder Werkstatt wurde aus Mitteln der Vodafone Stiftung finanziert.

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